Eine interaktive Installation über Zeit, Raum und Rekursion

Bachelorarbeit — Präsentation
22.09.2026

Hamidreza Ghasemi
Kommunikationsdesign
Folkwang Universität der Künste

Betreuung:
Prof. Kathi Kaeppel
Prof. Jana Müller

Infinite Recursion

Wir leben in einem Universum ohne erkennbaren Anfang und ohne absehbares Ende. Ereignisse wiederholen sich, überlagern sich — und genau aus dieser Wiederkehr entsteht das, was wir Zeit nennen. Diese Vorstellung — dass Zeit weniger ein linearer Verlauf als ein Kreisen sich überlagernder Momente ist — bildet den Ausgangspunkt meiner Arbeit.

Sichtbar wird das durch ein Bild, das sich selbst in seiner eigenen Darstellung enthält — ein Prinzip, das die Literaturwissenschaft „mise en abyme” nennt. In Infinite Recursion übersetze ich dieses Prinzip in den Raum, mithilfe eines Kamera Feedback-Systems: Das Bild wiederholt sich endlos in sich selbst und erzeugt eine visuelle Endlosschleife, die Besucher:innen körperlich und räumlich durchqueren.

Daraus ergibt sich die Frage, die diese Arbeit trägt:

„Wie nimmt man Zeit und den eigenen Körper wahr, wenn man sich innerhalb eines rekursiven Kamera-Feedback-Systems befindet?“

Wer den Raum betritt, in dem Infinite Recursion steht, sieht zunächst nur ein flackerndes, sich selbst verschlingendes Bild — erst nach einigen Sekunden wird klar: Man ist selbst Teil dieses Bildes, die eigene Bewegung formt die Schleife mit. Genau dieser Moment der Erkenntnis — in dem Beobachten und Beobachtet Werden ineinanderfallen — ist der eigentliche Ausgangspunkt meiner Arbeit

Der erste Schritt war 2021 Desktop Spiral — eine vierteilige Fotoserie, entstanden in der elektromechanischen Werkstatt der Folkwang Universität bei Prof. Claudius Lazzeroni, gezeigt beim Rundgang 2021.

Erste Begegnung — Realtime Recording, 2021

Werkgeschichte — vier Stationen einer Wiederkehr

Sklupturenmuseum Marl, Kollektiv 42, cityscaper GmbH

2022 wurde Desktop Spiral Teil des Kollaborationsprojekts „Erweiterte Welten” — gemeinsam mit Kollektiv 42, Robin Römer und Cityscaper GmbH, in Partnerschaft mit dem Skulpturenmuseum Marl: eine Echtzeit-Aufnahme als Augmented-Reality-Installation im öffentlichen Raum

an abstract photo of a curved building with a blue sky in the background

Infinite Recursion 2024
Folkwang University Of The Arts

2024 entwickelte sich Infinite Recursion von einem stillen Kamera-Feedback-Experiment zu einer performativen Arbeit. Unter dem Titel Infinite Recursion wurde das Projekt erstmals in dieser Form realisiert.

In Zusammenarbeit mit der Performerin Irene Nocella und unter der Regie von Reza Pourjafarian wurde erstmals ein menschlicher Körper – über den eigenen Körper des Künstlers hinaus – explizit Teil der rekursiven Struktur. Der Körper wird dabei von der Kamera erfasst, in das digitale Bild überführt, transformiert und als Teil der visuellen Rückkopplung erneut in den Raum zurückgeführt.

Die visuellen Arbeiten und der Schnitt stammen von Hamidreza Ghasemi. Die Performance wurde an der Folkwang Universität der Künste aufgenommen und entstand im Dialog mit der Komposition Nwia von Valentin Stip. Die Musik bildet dabei einen wesentlichen Bestandteil der zeitlichen und atmosphärischen Struktur der Arbeit.

Diese Zusammenarbeit markiert einen wichtigen Entwicklungsschritt von Infinite Recursion: Ausgehend von einem technischen Experiment mit Kamera, Projektion und Feedback entstand eine performative Untersuchung von Körper, Wahrnehmung, Zeit und technologischer Rückkopplung.

Folkwang Preis 2025
SANAA-Gebäude

2025 schließlich führt diese Entwicklung zur jetzigen Form: die interaktive Videoinstallation, für die ich für den Folkwang-Preis nominiert wurde und die im Sanaa-Gebäude gezeigt wird.

Die Idee, dass Zeit nicht vergeht, sondern wiederkehrt, ist nicht neu. Ich bin ihr zuerst bei Omar Khayyám begegnet, dem Dichter des 11. Jahrhunderts: Wie ein Töpfer, der aus dem Ton vergangener Generationen neue Gefäße formt, kehrt jeder Moment verwandelt zurück.

Theoretischer Rahmen

Diego Velázquez, Las Meninas, 1656.
Ein frühes Beispiel für eine verschachtelte, selbstreflexive Bildstruktur – eine visuelle Vorform dessen, was später mit dem Begriff mise en abyme beschrieben wurde.

Omar Khayyam (1048–1131)
Persischer Mathematiker, Astronom, Philosoph und Dichter. Seine Gedanken über die zyklische Natur von Zeit, Vergänglichkeit und Wiederkehr bilden eine wichtige konzeptuelle Referenz für Infinite Recursion.

Kamera-Feedback als künstlerische Technik ist dabei so alt wie die Videokunst selbst — Steina und Woody Vasulka begannen 1969 damit, Peter Weibel zeigte in seinen Closed-Circuit-Arbeiten, wie Feedback-Schleifen Betrachtende zu aktiven Mitgestaltenden machen.

Diese Selbstenthaltung hat einen Namen: mise en abyme, geprägt von André Gide — ein Wappen, das im eigenen Zentrum eine Miniatur seiner selbst trägt. Mein Kamera-Feedback-System führt dieses Prinzip nicht nur an, sondern technisch tatsächlich aus: Eine Kamera filmt einen Bildschirm, der ihr eigenes Bild zeigt — kleinste Störungen verstärken sich zu selbstorganisierenden Mustern.

Zentral für mich ist Maurice Merleau-Pontys Phänomenologie: Wahrnehmung ist grundsätzlich verkörpert — wir nehmen die Welt nicht aus einer distanzierten Position wahr, sondern durch einen Körper, der selbst Teil des Wahrgenommenen ist. Genau das versucht meine Installation spürbar zu machen: Der Körper selbst wird zum Bildgenerator.

Peter Weibel, Beobachtung der Beobachtung: Unbestimmtheit, 1973.
Closed Circuit, Kamera, Monitor, Beobachtung.

The Vasulkas in their Buffalo studio, 1978.
Photo: Kevin Noble / Jane Hartman.

Douglas Hofstadters Begriff der „strange loop” schließlich gibt mir einen Begriff für das, was in dieser Verschränkung passiert: Systeme, komplex genug, sich selbst zu modellieren, erzeugen Schleifen, die zu sich selbst zurückführen. Rosalind Krauss nannte Video-Feedback 1976 die „Ästhetik des Narzissmus” — ich teile ihre Beobachtung, nicht aber ihr Urteil: Was für sie Gefangenschaft ist, verstehe ich als

Maurice Merleau-Pontys

Douglas Hofstadters

Vier Positionen verorten meine eigene Arbeit, ohne in einer davon aufzugehen:

Künstlerische Bezugspunkte

Yayoi Kusamas Infinity Mirror Rooms erzeugen seit 1965 durch physische Spiegelung eine räumliche Unendlichkeit. Meine Unendlichkeit funktioniert anders — nicht statisch, sondern dynamisch, ein Ereignis, das erst im Moment der Interaktion entsteht.

Dan Graham, Present Continuous Past(s), 1974.
Installationsansicht, New York.

Dan Grahams Present Continuous Past(s) (1974)
arbeitet mit einer Zeitverzögerung zwischen zwei Räumen. Ich löse das anders — nicht als Verzögerung zwischen zwei Räumen, sondern als rekursive Selbstspiegelung innerhalb eines einzigen Bildes.

Yayoi Kusama, Infinity Mirrored Room – The Souls of Millions of Light Years Away, 2013. Installation.

Und das Kollektiv TUNDRA mit ROW (2023) zeigt, dass dieselbe technische Basis — TouchDesigner — heute Teil einer internationalen Praxis ist. Der Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern in der Absicht:

Wo TUNDRA auf ein synästhetisches Erlebnis zielt, bindet meine Arbeit bewusst dieselbe Toolchain an eine philosophische und biografische Frage zurück.

André Werner, Autopoiesis – Was vom Kino übrig bleibt / What Remains Of Cinema #2, 2018.

André Werners Autopoiesis zeigt, wie weit man das Grundprinzip reduzieren kann. Dagegen wird sichtbar, was meine Arbeit hinzufügt: Interaktivität, Klang, eine biografische Ebene.

TUNDRA, ROW, 2023 — TouchDesigner, Echtzeit-Visualisierung und audiovisuelle Interaktion.

Technisch: Eine professionelle Videokamera erfasst die zentrale Projektionsfläche, das Bild wird in Echtzeit in TouchDesigner verarbeitet und über einen Projektor zurückgeworfen. Für die Klanglandschaft nutze ich Ableton Live, gesteuert von denselben Bewegungsdaten wie das Bild. Der Ursprung liegt im Kurs „Grundlagen Code” — was seither am meisten Zeit gekostet hat, war nicht eine einzelne Komponente, sondern das Zusammenspiel aller: Kamera, TouchDesigner, Projektor, Bewegungserkennung und Ableton Live mussten aufeinander abgestimmt werden, damit sie als ein kohärentes System funktionieren. Der Ausstellungsraum selbst ist bewusst ohne vorgegebenen Weg gestaltet: freie Bewegung, gedämpftes Umgebungslicht — eine bewusste Zurückhaltung, die den Blick auf die Beziehung zwischen Körper und Bild lenkt.

Konzept & Umsetzung

Project visualization

Eine Kamera filmt die Projektionsfläche, auf die ein Projektor in Echtzeit exakt dieses Bild zurückwirft — eine digitale Schleife, die sich fortlaufend in sich selbst faltet. Der Titel trägt diese doppelte Bedeutung schon im Namen: ein Phänomen aus der Informatik — eine Funktion, die sich selbst ohne Abbruchbedingung aufruft — und gleichzeitig die Erfahrung im Raum selbst.

Die Installation gliedert sich in drei Elemente, die ich bewusst nicht additiv, sondern als ein zusammenhängendes Gefüge verstehe: das zentrale Videowerk auf zwei Projektionsflächen — eine an der Wand, die andere auf einem Tisch, auf dem ein von mir gestaltetes Buch liegt, das meine Thesis sowie Bildmaterial aus meinem Arbeitsprozess enthält —, eine begleitende Fotoserie, und Objekte und Prozessmaterialien aus meinem Studium. Eine kamerabasierte Bewegungserkennung — verbunden mit einer am Tisch angebrachten Kamera — erfasst gezielt nur die Hände der Besucher:innen; diese Handbewegungen beeinflussen in Echtzeit den Klang. Niemand erlebt exakt dieselbe Schleife wie jemand zuvor.

Reflexion, Fazit & Ausblick

Das Feedback von Freund:innen und Kommiliton:innen war alles andere als einheitlich: ein verändertes Zeitgefühl und Faszination auf der einen Seite, Desorientierung auf der anderen. Diese Uneinheitlichkeit habe ich zunächst als Störung empfunden — bis mir klar wurde, dass sie genau die zentrale These bestätigt, statt sie zu widerlegen: Wenn Zeitwahrnehmung grundsätzlich körperlich und subjektiv vermittelt ist, muss man auch erwarten, dass unterschiedliche Körper unterschiedlich reagieren.

Gleichzeitig sehe ich die Grenzen klar: Mein zentraler Befund stützt sich bisher auf informelles Feedback, nicht auf eine strukturierte Befragung.

Diese Arbeit hat mir gezeigt, dass Zeit im Raum nicht nur dargestellt, sondern durch ein rekursives, interaktives Kamera-Feedback-System tatsächlich erfahrbar gemacht werden kann. Rekursion ist für mich zu einem Prinzip geworden, das Bild, Körper und Raum ineinander übergehen lässt.

Für die Zukunft sehe ich mehrere Wege: eine systematischere Befragung der Besuchererfahrung, eine Erweiterung durch zusätzliche Sensorik oder mehrere gleichzeitig interagierende Personen, und die Übertragung des Prinzips auf andere räumliche Kontexte.


Infinite Recursion ist für mich deshalb kein abgeschlossenes Werk, sondern — passend zu seinem eigenen Prinzip — ein Zustand, der weitergehen kann.

Gexpo7